Mystic-Legends – Artikel: Übertriebenes Balancing, Vor- und Nachteile und die Gefahr des Powergamings

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Übertriebenes Balancing, Vor- und Nachteile und die Gefahr des Powergamings

Wer immer darauf bedacht ist, seinen Charakter im Gleichgewicht zu den anderen zu halten, wird bald entweder darauf verfallen, einen Hansdampf in allen Gassen zu erschaffen, der allen Gefahren gewachsen ist bzw. in jeder Situation etwas beisteuern kann oder einen absoluten Spezialisten (leider nicht selten im Gebiet des Kampfes) zu kreieren. Der selbstauferlegte Zwang, mit anderen Gruppenmitgliedern zu konkurrieren, bringt viele Rollenspieler erst auf den Gedanken des Powergamings. Wenn man stattdessen mehr Wert auf eine gesunde Gruppenkonstellation legt (der ja z.B. auch ein erfahrener Lehrmeister und sein grünohriger Schüler angehören könnten), kann man deutlich schönere Erfahrungen im Rollenspiel machen.

Auch die Vor- und Nachteile müssen nicht unbedingt total ausgewogen sein. Der Zwang, ständig Nachteile mit Vorteilen auszuwiegen und ständig mit den gleichen Startvoraussetzungen wie die anderen Mitglieder ins Abenteuerleben zu starten, setzt automatisch den Grundstein für ein recht unnatürliches Konkurrenzdenken. Unnatürlich deshalb, weil das höchste Ziel im Rollenspiel eben nicht auf das Optimieren der Werte hinzielt, sondern darauf, dass man einen Charakter verkörpert, mit Schwächen und Stärken.
Einige mögen Charaktere, die mehr Stärken haben, andere haben lieber Charaktere, die auch deutliche Schwächen haben dürfen. Schon mit einer Anpassung der Start-TPG bei der Charaktergenerierung kann man bewirken, dass nicht alle Charaktere der Gruppe auf der gleichen Stufe stehen, sondern eventuell untereinander Vorbilder und Anführer finden und sich mit mehr Rücksicht um die anderen kümmern. Schon das Ausspielen einer etwas ungleichmäßigen Gruppe kann an und für sich schöne Szenen mit sich bringen.

Deshalb sei an dieser Stelle ein weniger regelbasiertes System für die Generierung mit Vor- und Nachteilen empfohlen: Wer einen stimmigen Charakter bauen will, benötigt bestimmte Vor-, Nachteile und Rechenformeln. Der Zwang, bestimmte Grenzen an TGP-Werten der Besonderheiten einzuhalten engen einen ernsthaften Rollenspieler bei seinem Generierungsvorhaben nur ein.

Auch der Spielleiter sollte am besten lernen, nicht überall nachzurechnen, sondern einen Charakter nach seiner Stimmigkeit zu beurteilen, nicht nach seiner Regelkonformität. Schließlich ist alles erstens ein Spiel, bei dem es ohnehin keinen einzigen Sieger und Verlierer gibt, sondern nur Sieger oder Verlierer (und Sieg und Niederlage wird schon gar nicht an Charakterwerten festgemacht, sondern am Spielspaß) und zweitens ist die durch die Regeln simulierte Realität ohnehin niemals das NonPlusUltra (das wird nie behauptet und kann auch durch kein noch so dickes Regelbuch ausgedrückt werden). Im Ernstfall siegt immer der gesunde Menschenverstand, das einfachste und dennoch sinnvollste Regelwerk.
Geschrieben am 04.12.2007 und zuletzt am 02.01.2008 verändert